Das große Spiel um das Kabel: warum das Projekt Great Sea Interconnector am Rande des Abgrunds steht

Das Projekt Great Sea Interconnector (GSI), das die Stromnetze Griechenlands, Zyperns und Israels verbinden soll, ähnelt immer weniger einer Infrastrukturinitiative, sondern vielmehr einem geopolitischem Drama auf der Insel Zypern. Als Lösung für die energetische Isolation Zyperns konzipiert, hat es sich zu einem komplexen Knoten aus wirtschaftlichen Berechnungen, politischen Kompromissen und regionaler Konfrontation entwickelt. Heute steht das Projekt an einem Punkt, an dem sich sein Schicksal entscheidet: Wird es zum Flaggschiff der europäischen Energieintegration oder reiht es sich in die Liste ehrgeiziger, aber nicht verwirklichter Initiativen ein?
Das Projekt, das die Karte der Region hätte verändern sollen
Die Idee, Zypern an das europäische Stromnetz anzuschließen, wird seit über einem Jahrzehnt diskutiert. Im Kern des GSI steht das frühere Konzept des EuroAsia Interconnector, das das östliche Mittelmeer mit dem EU-Energienetz verbinden sollte. Für die Republik Zypern ist dies nicht nur Infrastruktur. Es ist ein Weg aus der energetischen Isolation: Die Insel ist das einzige EU-Land ohne elektrische Verbindung zum Kontinent. Aus diesem Grund erhielt das Projekt starke Unterstützung von der Europäischen Kommission, die 658 Millionen Euro dafür bereitstellte. Darüber hinaus erkannte ENTSO-E das GSI als einziges Projekt an, das den europäischen Rechtsvorschriften für den Anschluss Zyperns entspricht.
Waffenstillstand statt Durchbruch
Die letzten zwei Jahre waren von Spannungen zwischen Athen und Nikosia um das Projekt geprägt. Doch 2025 änderte sich die Situation: Die Seiten erklärten einen faktischen „Waffenstillstand“ und vereinbarten, von vorne zu beginnen – mit einer Aktualisierung der Machbarkeitsstudie. Diese Entscheidung fiel nach einem Treffen des zyprischen Präsidenten Nikos Christodoulidis mit dem griechischen Premierminister Kyriakos Mitsotakis. Formal ist das Ziel einfach: zu prüfen, ob das Projekt unter neuen wirtschaftlichen Bedingungen lebensfähig ist, und Investoren zu gewinnen. In der Praxis hat die Entscheidung jedoch gegensätzliche Interpretationen hervorgerufen. Auf Zypern sahen viele darin einen ersten Schritt zur Einstellung des Projekts. In Griechenland hingegen als notwendige Phase vor dem Start.
Ein Signal vom Markt: Das Projekt ist nicht geschlossen
Ein wichtiger Indikator ist die Reaktion der Wirtschaft. Der französische Industrieriese Nexans, einer der wichtigsten Auftragnehmer des Projekts, hat offiziell eine Überarbeitung des Zeitplans angekündigt. Für ein börsennotiertes Unternehmen sind solche Aussagen keine Formalität. Würde das Projekt eingestellt, wäre es verpflichtet, die Investoren zu informieren. Mit anderen Worten: Das Projekt ist nicht abgesagt, aber auf Pause gesetzt.
Warum ist der Great Sea Interconnector auf Zypern bedroht?
Das Hauptproblem des GSI ist die Wirtschaftlichkeit. Die Kosten des Projekts bleiben hoch, und seine Rentabilität ist fraglich. Die Betriebskosten könnten 50–60 Millionen Euro pro Jahr erreichen – eine erhebliche Belastung für den kleinen Energiemarkt Zyperns. Vor diesem Hintergrund entstehen Alternativen. Und die empfindlichste davon ist mit der Türkei verbunden.
Der türkische Faktor: billige Alternative und politische Sackgasse
Ankara fördert ein eigenes Kabelprojekt zwischen der Türkei und dem nördlichen Teil Zyperns. Schätzungen zufolge ist es:
- viermal billiger;
- technisch wesentlich einfacher;
- hat minimale Betriebskosten.
Aus wirtschaftlicher Sicht ist das überzeugend. Aber es gibt ein Problem – die Politik. ENTSO-E hat bereits klargestellt: Ohne Zustimmung des offiziellen Betreibers der Republik Zypern werden solche Projekte nicht einmal in Betracht gezogen. Das blockiert faktisch das türkische Szenario. Darüber hinaus wird selbst in der Türkei anerkannt, dass ein solches Projekt „politisch unmöglich“ ist, ohne den Status Zyperns zu ändern. Dennoch nutzt Ankara das Thema Energie weiterhin als Druckmittel, fördert das Konzept der „zwei Staaten“ und untergräbt die Tragfähigkeit alternativer Projekte.
Die Geschichte des GSI handelt nicht nur von einem Kabel auf dem Meeresboden. Es ist ein Test für die Europäische Union: Ist sie bereit, in strategische Projekte zu investieren, auch wenn sie teuer und komplex sind?
Zypern zwischen Wirtschaft und Politik
Die Situation wird durch den inneren Kontext auf Zypern selbst verkompliziert. Die Wirtschaft der Insel ist widerstandsfähig, aber die Energiestrategie gerät ins Stocken. Die Inbetriebnahme des LNG-Terminals verzögert sich, die Unsicherheit wächst, und vor den anstehenden Parlamentswahlen verstärkt sich der politische Druck. Unter diesen Umständen wird die Haltung der Behörden immer vorsichtiger: Zypern ist bereit, sich an dem Projekt zu beteiligen – aber „um jeden Preis“ nicht. Dies spiegelt die zentrale Frage wider: Lohnt es sich, für strategische Unabhängigkeit mehr zu bezahlen, als sie kurzfristig einbringen kann?
Wie geht es weiter in der Republik Zypern?
In den kommenden Monaten wird sich zeigen, welches Unternehmen mit der Aktualisierung der Machbarkeitsstudie beauftragt wird. Genau dieses Dokument wird die Zukunft des GSI bestimmen. Wenn die Berechnungen die Lebensfähigkeit des Projekts bestätigen, könnte es noch Ende des Jahrzehnts in die Umsetzungsphase übergehen. Wenn nicht, erwartet es entweder eine radikale Überarbeitung oder das Einfrieren.
Auf der einen Seite – wirtschaftliche Logik und Risiken. Auf der anderen Seite – Energiesicherheit und Geopolitik. Die Waage ist noch nicht eindeutig. Aber eines ist klar: Der Great Sea Interconnector ist mehr als Infrastruktur. Es ist eine Linie, entlang der die Grenze zwischen Politik und Markt im modernen Europa verläuft auf Zypern.
Das Wichtigste:
- Das GSI ist Zyperns einzige Chance, aus der energetischen Isolation innerhalb der EU auszubrechen.
- Das Projekt ist nicht abgesagt, aber aufgrund wirtschaftlicher Risiken pausiert.
- Die türkische Alternative ist viermal billiger, aber politisch blockiert.
- Eine aktualisierte Machbarkeitsstudie wird in den kommenden Monaten über das Schicksal des Kabels entscheiden.
- Das GSI ist zu einem Test für Europa geworden: Ist es bereit, für geopolitische Unabhängigkeit zu zahlen?
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